Nikolaus
Harnoncourts Künstlerrede vom 27. Jänner 2006 *
Weil
ich meine, Mozarts Symphonie ist die eigentliche Eröffnungsrede, möchte
ich Sie vorher begrüßen, meine sehr geehrten Damen und Herren. Die
Symphonie, die wir jetzt spielen werden, wurde als Mittelstück der
sicherlich zusammengehörigen drei letzten Symphonien komponiert. Sie
stellen offenbar eine Art Weg des Menschen zu
einem Ziel dar.
Ausgehend
von der Symphonie in Es-Dur, dem Ton der Liebe**,
aber auch des "feierlichen Ernstes" - führt Mozart uns in die
Abgründe der alles in Frage stellenden g-Moll-Symphonie; - um danach im
strahlenden C-Dur der Jupiter-Symphonie alles glücklich aufzulösen und
den zuvor verstörten Hörer in Harmonie zu entlassen. Von den mehr als 40
Symphonien Mozarts stehen nur zwei in Moll, beide in g-Moll. - G-Moll
wurde damals als Todestonart, auch als Tonart der Traurigkeit bezeichnet
und empfunden.
Schon
im ersten Thema - das Sie gleich hören werden - gibt es keine einzige
direkt angespielte Note, auf jedem Ton liegt eine Appoggiatur, ein
Vorschlag von oben oder von unten - so wird das scheinbar Einfachste, ja
das Selbstverständliche ungreifbar, es verschwimmt - man hört wie durch
welliges Wasser gesehen. Der 2. Satz beginnt mit dem leicht versteckten
Fugenthema der Jupiter-Symphonie, er steht in Es-Dur, als sollten die
Alpträume des 1. Satzes weggewischt und so gleichsam eine "Hoffnung
auf eine bessere Welt" herbeigefleht werden. Wir spielen jetzt
die ersten beiden Sätze.
Und
jetzt, nach dieser unfassbaren Musik - wo jede Sprache arm wird, wo wir
schweigen müssten, jetzt soll ich noch etwas über Mozart sagen und womöglich
auch über dieses Jahr - nein - zu dieser Musik passen keine Festreden. Wie
kann ich da noch etwas über Mozart sagen? Niemand kann es; aber alle tun
es jetzt. Österreich heißt in diesem Jahr Mozart. - Aber, das hat nichts
mit ihm zu tun, ich fürchte, mehr mit Geld und Geschäft.
Eigentlich müssten wir uns ja genieren. Denn was Mozart von uns verlangt
und seit mehr als 200 Jahren verlangt, wäre so einfach: Wir müssten ganz
still und aufmerksam zuhören, und wenn wir seine wortlosen Beschwörungen
und Plädoyers verstünden, dann müssten wir uns, wie schon gesagt,
eigentlich eher genieren als uns stolz zu brüsten.
Jetzt
bejubeln wir ihn und das klingt fast so, als wollten wir uns selbst
bejubeln. Wir haben aber überhaupt keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu
sein, was mit Mozart zusammenhängt. Schon seit damals, als er hier in
Salzburg und in Wien lebte. Er verlangt etwas von uns mit der
unerbittlichen Strenge des Genies und wir bieten
ihm unsere Jubiläen mit ihren Umwegrentabilitäten und Geschäften und
lassen seine Töne zerstückelt aus allen Werbekanälen tropfen - das dürfte
einfach nicht sein - das ist ein Skandal und eine Schande - wie kann man
das tolerieren? Aber, wenn so ein Besinnungsjahr trotz alledem
einen Sinn haben soll, dann müssen wir hören - hören - hören - und können
dann vielleicht einen kleinen Teil der Botschaft verstehen. Mozart braucht
unsere Ehrungen nicht - wir brauchen ihn und seinen aufwühlenden
Sturmwind. So ein Jahr ist in Wirklichkeit unsere Chance.
Was
ist denn der Inhalt seines Plädoyers? Es ist die Kunst selbst, es ist die
Musik, und wir haben Rechenschaft darüber abzulegen, was wir mit ihr
gemacht haben und immer noch machen - und darüber, was wir versäumen und
nicht machen. Die Kunst und mit ihr die Musik ist
ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, sie ist uns
geschenkt als Gegengewicht zum Praktischen, zum Nützlichen, zum
Verwertbaren. Es leuchtet mir ein, was manche Philosophen sagen, dass es
die Kunst und eben die Musik ist, die den Menschen zum Menschen macht. Sie
ist ein unerklärliches Zaubergeschenk, eine magische Sprache.
Die
letzten Generationen haben ihr Schwergewicht immer mehr und mehr auf das
unmittelbar Verwertbare gelegt, - man meint wohl, die Glückserwartung
scheine nur im Materiellen zu liegen: Glück wird mit Wohlstand und
Wohlstand mit Besitz gleichgesetzt: Es geht mir besser, je mehr ich
besitze. Und diese Einstellung wirkt sich bereits in der Erziehung und in
den Lehrplänen der Schulen aus. Nach und nach wird alles Musische verdrängt,
alles, was die Phantasie fördert und was unverzichtbar ist - fast müsste
man schon sagen: wäre - für ein menschenwürdiges Leben. Heute können
hier die meisten Kinder nicht einmal mehr singen, weil sie nie dazu
angeleitet wurden - sie wissen nicht, wie man die Töne formt - und sie
kennen keine Lieder. Da fängt aber das Musik-Machen, das Musik-Verstehen
an, mit drei, vier, fünf Jahren schon. Später überlässt man es sowieso
dem Radio und dem Walkman.
Dieses
Jahr jetzt mahnt uns in aller Eindringlichkeit, dass unsere Kinder ein
Recht auf eine volle Bildung und nicht nur auf Ausbildung haben. Es ist
symptomatisch für unsere Bildungsziele, dass bei den Kontrollmethoden -
etwa der Pisa-Studie - die Musik praktisch keine Rolle spielt. Nebenbei
bemerkt - die beiden Artikel der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte, die über Bildung und Kultur handeln, Nr. 26 und 27, sind
von peinlicher Dürftigkeit. Wenn zu Rechnen, Schreiben und Lesen nicht
die Kunsterziehung gleichgewichtig hinzutritt, wenn das Nützlichkeitsdenken
alles beherrscht - und wir sind nahe daran - dann besteht höchste Gefahr,
dass der Materialismus und die Raffgier zur götzenhaften Religion unserer
Zeit werden.
Ist
es nicht schon so weit? Kardinal König sagte vor einigen Jahren "
... der Weg Europas hat in eine Sackgasse geführt: Vorrang der Technik
vor der Ethik, Primat der Sachwelt vor den Personenwerten ... "
Pascal sprach im 17. Jahrhundert von den zwei einander bedingenden
Denkweisen des Menschen: er nannte sie das arithmetische Denken und das
Denken des Herzens. Kierkegaard warnte schon um 1840 vor dem drohenden
Materialismus, er schrieb: " ... man befürchtet im Augenblick nichts
mehr, als den totalen Bankrott in Europa ... ", übersieht aber
" ... die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit
in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht".
Es
geht mir jetzt nicht so sehr um eine größere Beachtung der Kunst in
ihrem erlauchten Spitzenbereich, es geht darum, dass diese höchsten
Formen schließlich ins Leere rufen, wenn niemand mehr die Sprache
versteht. Die Musik ist ja keineswegs die abgehobene Geheimsprache einer
arroganten, selbstbewussten und privilegierten Minderheit, nein, jeder
kann ihre Botschaft mitbekommen, kann teilnehmen an ihren Reichtümern,
wenn die Antennen von klein auf richtig eingestellt werden.
Da
die Kunst im Bereich der Phantasie zuhause ist, hat sie etwas Rätselhaftes,
nicht Erklärbares, ihre unsichtbare Macht ist gewaltig und gefährlich,
ihre Wirkung subversiv. Deshalb haben Machthaber immer wieder versucht,
sich ihrer zu bedienen. Ohne Erfolg, denn Kunst ist stets oppositionell
und souverän, sie lässt sich weder zähmen, noch einverleiben. Sie ist
eine Sprache des Unsagbaren - die aber manchen letzten Wahrheiten wohl
eher nahe kommt als die Sprache der Worte, der Verständigung mit ihrer
Logik, mit ihrer Eindeutigkeit, ihrem schrecklichen: Ja oder Nein.
Die
Rolle, die wir der Kunst zubilligen ist vielfach, sie uns dienstbar zu
machen, sie zu zähmen, aber auch uns mit ihr zu brüsten. In unserem schönen,
geförderten Musikleben sollen die Menschen nach aufreibender Arbeit
Freude und Erholung finden - sollen wieder Kraft finden für den
Alltagsstress. (Die Nazis nannten das "Kraft durch Freude" - mit
ähnlicher Begründung wie bei den Menschenrechtsartikeln). Ein gefährlicher
Schritt im langen und illegalen Prozess, Kunst "nutzbar" zu
machen.
Die
Musik der großen Komponisten hat diesen Trend fast nie bedient, sie war
schon immer viel mehr: nämlich sensible Reaktion auf die geistige
Situation der Zeit - sie war und ist ein Spiegel, der den Hörer sich
selbst zu erkennen half, der ihn auch in Abgründe blicken ließ: als man
Mozarts g-Moll-Symphonie zum ersten Mal hörte, wurde gefragt, ob
derartige Erschütterungen zulässig seien. Diese Symphonie ging ja für
die Menschen damals bis in die Extreme der musikalischen Sprache. Der Züricher
Musikästhetiker und Kulturphilosoph Hans Georg Nägeli (1773-1836)
bezweifelte - wie manche seiner Zeitgenossen - ob derartiges noch zulässig
und zumutbar sei - damals ist wohl keiner beruhigt nach Hause gegangen.
Durch
die Kunst werden wir ja zu Erkenntnissen geführt, oft geradezu gestoßen:
sie ist der Spiegel in den wir schauen müssen. Um dem zu entkommen, hat
man eine bloß ästhetisierende, manche sagen "kulinarische"
Art, mit Kunst umzugehen angenommen: Man hört "schöne" Musik,
man sieht "schöne" Bilder - aber man lässt sich lieber nicht
von ihr erschüttern, oder gar umkrempeln.
Als
junger Orchestermusiker vor 50 Jahren musste ich die g-Moll-Symphonie
(Mozarts) jährlich oft und oft spielen - damals immer lieb und hübsch,
die Zuhörer wiegten selig ihre Köpfe, man sprach nachher von
"Mozart-Glück". Die Partitur auf meinem Pult aber sagte
anderes: wie hier alles in Frage gestellt, ja geradezu zerstört wird: die
Melodie - die Harmonie - der Rhythmus. Nichts ist so, wie es
korrekterweise sein müsste, außer vielleicht das romantische Trio des
Menuetts. - Es kann schon sein, dass man damals, nach dem Krieg, die
ausstrahlende Harmonie, das rein Beglückende gebraucht hat - die
Kehrseite der Medaille hatte man ja grausam erlebt. So kehrten praktisch
alle Mozart-Interpretationen damals das Helle, Positive hervor und unterdrückten
das Erschütternde.
Diese
"Symphonie" wurde zu meiner persönlichen Schicksalssymphonie,
sie hat mein Leben nachhaltig verändert, da ich sie eines Tages, nach 17
Jahren als Orchestercellist, so nicht ein einziges Mal mehr spielen
wollte, ich verließ das Orchester ...
Man
kann in dieser Symphonie auch ein großes Beispiel sehen, ähnlich vielen
Werken der Literatur und der bildenden Kunst: - wie weit darf, soll oder
muss Kunst gehen - aber auch: was kann und muss der Hörer zu ertragen
bereit sein. Mozart ist immer wieder an diese Schmerzgrenze gegangen. Wie
fast alle großen Künstler bleibt Mozart als Person rätselhaft, ja
geradezu unheimlich. Man meint, alles über ihn zu wissen - sein Leben ist
ja bestens dokumentiert - aber wenn man etwas über ihn sagen will,
bemerkt man, dass man ihn überhaupt nicht kennt.
Unser
geschichtliches oder biographisches "Wissen", ganz allgemein
gesprochen, ist ja kein Wissen - wir erwerben es indirekt und meinen,
Augenzeugen zu sein. Wir nehmen die Bilder - etwa des Fernsehens - als
Fakten, wir glauben, dabei gewesen zu sein, haben aber nichts gespürt auf
unserer Haut und in unseren Herzen. Die Bilder sind Bilder - aber die
Wirklichkeit ist nur vorgetäuscht, sie war ganz anders. Wir werden die
Wahrheit über Mozart nie erfahren, - es ist unser selbst gemachtes Bild,
das wir dafür halten. Nur das Werk birgt die Wahrheit.
Den Menschen zu verstehen scheint unmöglich - so gelangen wir, wie bei
vielen Künstlern, zu einer Art Doppelgängersicht. Als gäbe es zwei
Mozart: das spielende Kind, den heiteren, extrovertierten jungen Mann, von
dem seine Freunde sagten, er sei niemals mürrisch gewesen; der von Jugend
an seine Briefe in einem geschliffenen Stil schrieb; gebildet,
schlagfertig und sicher.
Den
Mozart der Biographien, mit seinen finanziellen, familiären und künstlerischen
Krisen; war er reich oder arm? Zerkracht mit seinem Vater oder in
liebevoller Harmonie? War er künstlerisch gescheitert nach dem Wiener
Misserfolg von "Le Nozze di Figaro"? - Ich glaube kein Wort
davon, denn wie Oswald Spengler sagt: "Natur soll man
wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man dichten" - und
das tat man über die Maßen. Aber der andere Mozart ist der Eigentliche,
ist ungreifbar und unbegreifbar, er entzieht sich jeder Beurteilung. Wenn
wir ihn erfassen wollen, müssen wir beschämt erkennen, dass unsere Elle
nicht in sein Maßsystem passt - er kommt von einem anderen Stern. Er lebt
nur durch sein Werk: Ernsthaft in jedem Augenblick, auch im Witz
beklemmend: der "Musikalische Spaß", ein ebenso dunkles Stück
wie die gespenstische Lach-Arie in "Zaide".
Was
muss das für ein Schock gewesen sein im Hause Mozart, als der Vater im
Kleinkind das Genie erkannte: man meint ein herziges, gescheites Kind zu
haben und sieht unvermittelt - ein Krokodil. Ein Genie wie Mozart wird
nicht, das ist - paff - wie ein Meteor aus dem Universum. Kein spielendes
Kind, eher ein spielender Erwachsener.
Es
ist in der menschlichen Gesellschaft nicht vorgesehen, ein Genie großzuziehen,
dafür gibt es keine Vorbilder. So ein dämonisches Wesen okkupiert
selbstverständlich seine Umgebung, man kann es nicht
"erziehen", es ist ein geliebter und zugleich beängstigender
Hausgenosse. Von seinen ersten musikalischen Äußerungen an ist Mozarts
Weg als Künstler von einer Unbeirrbarkeit, von einer atemberaubenden
Sicherheit - genau konträr zu seinem äußerlichen Lebensweg.
Schon
als Kind komponierte er Werke, deren emotionaler Inhalt weit über das
hinaus geht, was er erlebt und erfahren haben konnte. So können wir von
dem Jüngling, der er immer war und blieb, die letzten und tiefsten
Geheimnisse von Liebe und Tod, von Tragik, Schuld und Glück erfahren.
Er
zwingt uns, in seelische Abgründe zu schauen und kurz darauf in den
Himmel; vielleicht ein Griffel in der Hand Gottes.